RATIO / FATA MORGANA, 2016, Videoinstallation

Im Titel dieser computergenerierten Videoarbeit klingt der lateinische Bergriff der Ratio an als Verweis auf vernunftmäßig bestimmte Areale, mehr noch aber meint er im Englischen das Verhältnis zweier Größen, hier bezogen auf die Relation des Betrachters und den virtuellen Maßstab der Videoprojektion. Betritt eine Person den Raum, so erblickt diese auf der gegenüberliegenden Wand in der Art einer Luftspiegelung das überlebensgroß projizierte Bild einer menschlichen Figur, welche in besonderer Weise mit der Realität des Betrachters verschränkt ist. Jede Bewegung, die der Besucher im Raum ausführt, wird von Sensoren erfasst und innerhalb der Projektion nachvollzogen und somit in den virtuellen Raum des generierten Bildes übertragen. Hierbei kommt es zu einer paradoxen Erfahrung: je näher er dem Bild kommt, um so mehr entfernt sich die Figur, um schließlich, wenn die Bildfläche zum Greifen nah scheint, gänzlich zu entschwinden. Die Schnittstelle wird zur Leerstelle, präsentiert sich nicht als Ort eines fließenden Übergangs, sondern vielmehr als Abrisskante, an der die kategoriale Differenz der Sphären des Realen und Virtuellen offenbar wird. (Reinhard Buskies)

PENDULUM, 2013, Videoinstallation

Thomas Lüers Realtime-Videoinstallation „Pendulum“ zeigt die Projektion eines im leeren Raum vor und zurück schwingenden Pendels und bezieht sowohl die Anwesenheit als auch die Reaktionen der Besucher mit ein. Während das Pendel nach hinten schwingt, sieht sich der Betrachter von vorn – am entferntesten Punkt aber schaltet der „Spiegel“ um und in der Annäherung sieht er sich überraschenderweise von hinten… Auch wenn das projizierte Pendel sich “physisch” ebenso verhält wie sein Foucault’sches Gegenstück –  es ist ein Vehikel, eine gefilmte Metapher, ein Bild, durch das andere Bilder “hindurch gehen”. Lüer greift dabei das Motiv des gemalten Spiegels auf, wie es etwa aus den Bildern van Eycks oder den Vanitas-Stillleben von Pieter Claesz bekannt ist: Ein Raum im Raum, der den Besucher dazu verleitet zu glauben, er könne den “Hintergrund” “hinter dem Spiegel” in der Tiefe des Raums wahrnehmen… Der “hypnotische” Effekt von Lüers Pendel zielt dabei weniger auf die Mechanismen der Selbstbespiegelung, sondern inszeniert die höchst beunruhigende Verzahnung von Weltsicht und Simulation in unserer heutigen Gesellschaft als ein „Programm“, dem man nur entweichen kann, indem man den Raum verlässt. (Gabi Schaffner)

REINRAUM II, 2013, Videoinstallation

In einer wandfüllenden, geradezu raumentgrenzenden Projektion zeigt dieses Video kalte, chromglänzende Oberflächen aus einem kaum definierbaren Maschinenraum in ruhigen, langsamen Einstellungen. Das Licht wird teilweise bis zur Überblendung reflektiert, der Blick schweift in unklare, tiefe Raumfluchten. Die Bilder sind mit extremer Nähe zum Objekt aufgenommen und bereiten dem Betrachter Schwierigkeiten, Größenrelationen herzustellen… Sie evozieren dabei durchaus Bildwelten, die in unserem kollektiven Bildergedächtnis mit dem Science-Fiction-Genre verbunden sind. Gleichwohl zielt die Intention nicht auf die uneingeschränkte mediale Überwältigung des Betrachters, tatsächlich wird sein Raumempfinden  gestört und ihm die Unvereinbarkeit von Bildraum und realem Raum vor Augen geführt… Gerade in dem Spannungsverhältnis von Immersion und Distanzierung liegt das reflexive Potential dieser Arbeit. Wie alle Videos Lüers, ist auch Reinraum letztlich eine Studie über Macht und Magie audiovisueller Medien. (Reinhard Buskies)

SHIFT, 2011, Videoinstallation

Die Videoskulptur „Shift“ zeigt eine ca. 9-minütige Sequenz, in der ein Mann im freien Fall durch einen vertikalen Raum stürzt und – kurz, bevor er den Boden berührt – auf wundersame Weise wieder empor “fliegt“. Mit dem „freien Fall“ wird hier eines der häufigsten cineastischen Bewegungsmotive gezeigt. Die farbliche Reduktion auf Schwarzweiß betont das Zeichenhafte des Geschehens. Die starke Verlangsamung erlaubt dem Betrachter dem minutiös inszenierten Motiv zu folgen. Denn der Fall im leeren Raum und das darauf folgende Hochfliegen sind keine einfache Wiederholung, sondern ein Loop von acht verschiedenen Einstellungen. Achtmal werden wir Zeuge dieser Szene, jeweils in einer geringfügig anderen Variante. Das „Shifting“ spielt die Abweichungsvarianten durch und verweist zugleich auf die übliche Filmpraxis, zahlreiche „Takes“ von einer Szene zu nehmen. Es gibt keine Anzeichen wo dieser Sturz stattfindet, ob von einer Brücke oder einem Dach oder aus einem Zug. Durch die Herauslösung der Szene aus ihrem möglichen Kontext wird eine poetische Konstante offengelegt, die Grundlage allen Filmschaffens ist: die Fiktion als „handgemachte“ Konstruktion. (Gabi Schaffner)

SPIN, 2010, Videoinstallation

Die Videoinstallation „Spin“ beginnt mit einer Bildfolge sich drehender Gänge, in denen man nur für kurze Augenblicke zwei sich bewegende Gestalten erkennen kann. Allerdings ist die Bewegung für unser Gehirn zu schnell um tatsächlich Details wahrnehmen zu können. Daran anschließend erscheint ein kurzer Ausschnitt der identischen Bildfolge, dieses mal jedoch in extremer Zeitdehnung, so als wäre ein imaginierter Betrachter entschlossen, ein ganz bestimmtes Detail des dokumentierten Vorganges auf keinen Fall zu verpassen. Diese Installation ist an einen Versuchsaufbau angelehnt, der in der Kognitionsforschung verwendet wird. Bei diesem Experiment wird die Lernfähigkeit der Versuchstiere erforscht. Das Maze (ein verwinkelter Versuchsaufbau) besteht aus 8 Armen. Am Ende nur eines Ganges befindet sich eine Belohnung. Je schneller diese gefunden wird, um so besser wird die individuelle Leistung des Tieres bewertet. Die zwei Figuren in Lüers Projektion gelangen nie in die Nähe des Betrachters, sprich in die Nähe des Ausgangs. Die Drehbewegung fragmentiert ihre Bewegungen, die immer wieder abgeschnitten und doch wiederholt werden, und so gerinnt das Experiment zum Abbild einer beunruhigenden Laterna magica.

SCHLÄFER/SLEEPERS, 2008, Videoinstallation

Bei dem Video „Schläfer“ handelt es sich um Aufnahmen, die mit einer Infrarotkamera in einem Schlaflabor aufgezeichnet wurden. Der Bildausschnitt ist auf das Gesichtsfeld beschränkt. Die Gesichtsmuskulatur ist maximal entspannt, mit Ausnahme der Augenmuskulatur. Der Schläfer befindet sich im so genannten REM-Schlaf (REM, engl. Rapid Eye Movement), einer Schlafphase, die vor allem durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet ist. Erlebnisse der Wachphase werden verarbeitet und das Gehirn von überflüssigen Informationen “gereinigt”. Der Beobachter wird zum Zeugen eines inneren Vorganges, der ihm in seiner ganzen Realität aber verborgen bleibt. Welche inneren Bilder eine bestimmte Augenbewegung hervorrufen, ist nicht beobachtbar. Zugleich ergibt sich eine nahezu voyeuristische Situation, die im Betrachter Gefühle der Scheu, der Spannung und der Neugierde hervorruft. Die Betrachtung eines Menschen im Schlaf ist normalerweise der Intimität privater Räume vorbehalten. Abgesehen von diesem „Clash“ des Öffentlichen mit Privatem, der viele Arbeiten Lüers prägt, verweist der Titel auf eine weitere Deutungsebene, die seit dem 11. September 2001 unauslöschlich dem kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt eingeschrieben ist. Der Automatismus, mit dem das Wort „Schläfer“ zugleich mit (noch) inaktiven Terroreinheiten wachruft, spiegelt die Ambivalenz unserer Verknüpfung von medialen und privaten Welten wieder.  (Gabi Schaffner)