RATIO / FATA MORGANA, 2016, Videoinstallation

Im Titel dieser computergenerierten Videoarbeit klingt der lateinische Bergriff der Ratio an als Verweis auf vernunftmäßig bestimmte Areale, mehr noch aber meint er im Englischen das Verhältnis zweier Größen, hier bezogen auf die Relation des Betrachters und den virtuellen Maßstab der Videoprojektion. Betritt eine Person den Raum, so erblickt diese auf der gegenüberliegenden Wand in der Art einer Luftspiegelung das überlebensgroß projizierte Bild einer menschlichen Figur, welche in besonderer Weise mit der Realität des Betrachters verschränkt ist. Jede Bewegung, die der Besucher im Raum ausführt, wird von Sensoren erfasst und innerhalb der Projektion nachvollzogen und somit in den virtuellen Raum des generierten Bildes übertragen. Hierbei kommt es zu einer paradoxen Erfahrung: je näher er dem Bild kommt, um so mehr entfernt sich die Figur, um schließlich, wenn die Bildfläche zum Greifen nah scheint, gänzlich zu entschwinden. Die Schnittstelle wird zur Leerstelle, präsentiert sich nicht als Ort eines fließenden Übergangs, sondern vielmehr als Abrisskante, an der die kategoriale Differenz der Sphären des Realen und Virtuellen offenbar wird. (Reinhard Buskies)

Rotation II, 2017, Installation

Rotation II widmet sich, wie bereits Rotation I, der Auseinandersetzung mit visuellen Mustern und den damit verbundenen Prozessen von Wahrnehmung und Erkenntnis.
Als installative Setzung im Raum changiert die Arbeit bewusst zwischen skulpturalem Objekt und technischer Apparatur. Auf einem Ring sind in konstanten Abständen metallische Zylinder angeordnet, aus deren Innerem punktuell Lichtimpulse sichtbar werden. Die Abfolge der Lichtsignale erscheint weitestgehend chaotisch, eine Vorhersage, an welcher Stelle das nächste Ereignis auftreten wird, scheint unmöglich.
Der Betrachter sieht sich zurückgeworfen auf die Position des externen Beobachters eines Black-Box-Systems, dessen innere Arbeitsprinzipien letztlich verborgen bleiben. Fragen nach den Bedingungen und der Bestimmbarkeit von informativen Codes wie auch von Zufälligkeit rücken in den Fokus. Angesichts der klaren formalen Anlage der Arbeit manifestieren sich gleichwohl essentielle Gegensätze und Ambivalenzen, etwa zwischen der Materialität und Statik der Konstruktion und dem immateriellen Charakter der einer eigen Dynamik folgenden Lichterscheinungen. Rotation II fragt damit letztlich nach den Beziehungen und Divergenzen zwischen einer dinglichen Welt und der Sphäre der Erscheinungen. (Reinhard Buskies)

PENDULUM, 2013, Videoinstallation

Thomas Lüers Realtime-Videoinstallation „Pendulum“ zeigt die Projektion eines im leeren Raum vor und zurück schwingenden Pendels und bezieht sowohl die Anwesenheit als auch die Reaktionen der Besucher mit ein. Während das Pendel nach hinten schwingt, sieht sich der Betrachter von vorn – am entferntesten Punkt aber schaltet der „Spiegel“ um und in der Annäherung sieht er sich überraschenderweise von hinten… Auch wenn das projizierte Pendel sich “physisch” ebenso verhält wie sein Foucault’sches Gegenstück –  es ist ein Vehikel, eine gefilmte Metapher, ein Bild, durch das andere Bilder “hindurch gehen”. Lüer greift dabei das Motiv des gemalten Spiegels auf, wie es etwa aus den Bildern van Eycks oder den Vanitas-Stillleben von Pieter Claesz bekannt ist: Ein Raum im Raum, der den Besucher dazu verleitet zu glauben, er könne den “Hintergrund” “hinter dem Spiegel” in der Tiefe des Raums wahrnehmen… Der “hypnotische” Effekt von Lüers Pendel zielt dabei weniger auf die Mechanismen der Selbstbespiegelung, sondern inszeniert die höchst beunruhigende Verzahnung von Weltsicht und Simulation in unserer heutigen Gesellschaft als ein „Programm“, dem man nur entweichen kann, indem man den Raum verlässt. (Gabi Schaffner)

SINGLE CHANNEL, 2013, Installation

Zahlensender sind Kurzwellen-Radiosender, die Zahlen- oder Buchstabenreihen übertragen. Ursprung und Zweck der meisten dieser Ausstrahlungen waren und sind nicht öffentlich bekannt. Sie werden auch aktuell von diplomatischen Diensten und vor allem vom Militär genutzt. Für die Chiffrierung verwendet man bei den Stationen ein sogenanntes One-Time-Pad, das aus zufällig generierten Zahlen- oder Ziffernfolgen besteht… Dem Vorbild der realen Zahlensender folgend, erscheint in kurzer Abfolge scheinbar zufällig und willkürlich eine Zahl von „0“ bis „9“ innerhalb einer Zahlengruppe von 5 Ziffern. Diese Zahlengruppe wird jeweils drei mal wiederholt bevor eine neue Zahlengruppe beginnt…Die Installation „Single Channel“ ist an eine Präsentation im öffentlichen Raum gebunden, welche konzeptuell das öffentliche Medium Radio ersetzt… Die Passanten werden zu Zeugen einer Attraktion, deren Hintergrund und Bedeutung ihnen zunächst nicht zugänglich ist. Vordergründig bleibt das Erleben einer Willkür des Zufälligen oder nicht Vorhersagbaren und auch des eigenen Scheiterns, in den zufälligen Mustern, Regelmäßigkeiten wahrzunehmen.

REINRAUM II, 2013, Videoinstallation

In einer wandfüllenden, geradezu raumentgrenzenden Projektion zeigt dieses Video kalte, chromglänzende Oberflächen aus einem kaum definierbaren Maschinenraum in ruhigen, langsamen Einstellungen. Das Licht wird teilweise bis zur Überblendung reflektiert, der Blick schweift in unklare, tiefe Raumfluchten. Die Bilder sind mit extremer Nähe zum Objekt aufgenommen und bereiten dem Betrachter Schwierigkeiten, Größenrelationen herzustellen… Sie evozieren dabei durchaus Bildwelten, die in unserem kollektiven Bildergedächtnis mit dem Science-Fiction-Genre verbunden sind. Gleichwohl zielt die Intention nicht auf die uneingeschränkte mediale Überwältigung des Betrachters, tatsächlich wird sein Raumempfinden  gestört und ihm die Unvereinbarkeit von Bildraum und realem Raum vor Augen geführt… Gerade in dem Spannungsverhältnis von Immersion und Distanzierung liegt das reflexive Potential dieser Arbeit. Wie alle Videos Lüers, ist auch Reinraum letztlich eine Studie über Macht und Magie audiovisueller Medien. (Reinhard Buskies)

HELIX, 2012, Installation

Helix kreist um grundsätzliche Fragen der Produktion und Rezeption von Bildern und bezieht sich auf ein analoges Verfahren der Bildwiedergabe aus den 1930er Jahren. Dabei wird mittels einer rotierenden Spiegelschraube ein Bild jeweils partiell auf einen Bildschirm umgelenkt, wo es in der Wahrnehmung wieder zur Gesamtheit gelangt. Thomas Lüers raumgreifende Skulptur verweist in ihrer schraubenartig gedrehten Form wie auch den spiegelnden Oberflächen auf dieses Verfahren, weicht aber zugleich in zwei entscheidenden Punkten von dem “Vorbild” ab. Einerseits ist Lüers Skulptur statisch, führt also keine Rotationsbewegung aus, zum anderen gibt es keinen projizierenden Lichtstrahl, der auf die spiegelnden Außenflächen der Skulptur geworfen wird. Helix unterläuft als skulpturale Setzung jene Funktionszusammenhänge, wie sie ursprünglich mit der Bildübertragung verbunden sind. Ein bestimmendes Moment dieser Arbeit ist ihre Stellung im Raum. Dieser wird von der Skulptur nahezu vollständig ausgefüllt, auf die Funktion auf eine umschließende Box reduziert. Dem Betrachter ist der Zutritt geradezu verstellt und jede Möglichkeit genommen, den rückwärtigen Bereich der Skulptur einzusehen. Der Rezipient bleibt buchstäblich ein “Außenstehender”, sein Blick auf die spiegelnde Vorderseite der Skulptur beschränkt. Hier wird auf den gegeneinander verschobenen Lamellen ein vielfach gebrochenes Spiegelbild sichtbar, dessen Konstellationen sich in Abhängigkeit von der Position des Betrachters radikal verschieben. Ein gesicherter Standpunkt ist nicht zu gewinnen. (Reinhard Buskies)

SHIFT, 2011, Videoinstallation

Die Videoskulptur „Shift“ zeigt eine ca. 9-minütige Sequenz, in der ein Mann im freien Fall durch einen vertikalen Raum stürzt und – kurz, bevor er den Boden berührt – auf wundersame Weise wieder empor “fliegt“. Mit dem „freien Fall“ wird hier eines der häufigsten cineastischen Bewegungsmotive gezeigt. Die farbliche Reduktion auf Schwarzweiß betont das Zeichenhafte des Geschehens. Die starke Verlangsamung erlaubt dem Betrachter dem minutiös inszenierten Motiv zu folgen. Denn der Fall im leeren Raum und das darauf folgende Hochfliegen sind keine einfache Wiederholung, sondern ein Loop von acht verschiedenen Einstellungen. Achtmal werden wir Zeuge dieser Szene, jeweils in einer geringfügig anderen Variante. Das „Shifting“ spielt die Abweichungsvarianten durch und verweist zugleich auf die übliche Filmpraxis, zahlreiche „Takes“ von einer Szene zu nehmen. Es gibt keine Anzeichen wo dieser Sturz stattfindet, ob von einer Brücke oder einem Dach oder aus einem Zug. Durch die Herauslösung der Szene aus ihrem möglichen Kontext wird eine poetische Konstante offengelegt, die Grundlage allen Filmschaffens ist: die Fiktion als „handgemachte“ Konstruktion. (Gabi Schaffner)

SPIN, 2010, Videoinstallation

Die Videoinstallation „Spin“ beginnt mit einer Bildfolge sich drehender Gänge, in denen man nur für kurze Augenblicke zwei sich bewegende Gestalten erkennen kann. Allerdings ist die Bewegung für unser Gehirn zu schnell um tatsächlich Details wahrnehmen zu können. Daran anschließend erscheint ein kurzer Ausschnitt der identischen Bildfolge, dieses mal jedoch in extremer Zeitdehnung, so als wäre ein imaginierter Betrachter entschlossen, ein ganz bestimmtes Detail des dokumentierten Vorganges auf keinen Fall zu verpassen. Diese Installation ist an einen Versuchsaufbau angelehnt, der in der Kognitionsforschung verwendet wird. Bei diesem Experiment wird die Lernfähigkeit der Versuchstiere erforscht. Das Maze (ein verwinkelter Versuchsaufbau) besteht aus 8 Armen. Am Ende nur eines Ganges befindet sich eine Belohnung. Je schneller diese gefunden wird, um so besser wird die individuelle Leistung des Tieres bewertet. Die zwei Figuren in Lüers Projektion gelangen nie in die Nähe des Betrachters, sprich in die Nähe des Ausgangs. Die Drehbewegung fragmentiert ihre Bewegungen, die immer wieder abgeschnitten und doch wiederholt werden, und so gerinnt das Experiment zum Abbild einer beunruhigenden Laterna magica.

ZERO, 2010, Installation

Thomas Lüers Installation „Zero“ basiert auf dem Wechselspiel zwischen Bildoberfläche, Handlungs- und Lichtraum und kommt so einem „theatralischen“ Raumerlebnis sehr nahe…So blieb die Galerie über einen langen Zeitraum geschlossen, der (vorbeigehende) Passant konnte durch die großen Frontscheiben die Installation in Gänze in Augenschein nehmen, am Besten natürlich in der klassischen Kino- oder Theatersituation: nachts, wenn der „Zuschauerraum“ (der Vorplatz der Galerie) verdunkelt ist… So sieht man auf der rechten Seite des Galerieraums freischwebend eine dreidimensionale, weiße Rundform, die an eine Rennstrecke erinnert, welche teilweise übertunnelt ist. Unterstützt wird diese Assoziation durch eine Videoprojektion auf einer abgetrennten Galeriewand, welche aus der „Subjektive“ eine Bewegung über den Kreisparcours zeigt… Man ahnt, auf eine Versuchsanordnung gestoßen zu sein, bei der allerdings die Computer und Apparate schon abgestellt und bei der dem „Ethnologen“ vor der Galerie die Codes und Zusammenhänge längst entglitten sind. Stattdessen können Technisches und Semiotisches, Mediales und Symbolisches als Grundlage für eine Auffassung körperlich geprägter Raumerfahrung angesehen werden. (Werner Marx)

SCHLÄFER/SLEEPERS, 2008, Videoinstallation

Bei dem Video „Schläfer“ handelt es sich um Aufnahmen, die mit einer Infrarotkamera in einem Schlaflabor aufgezeichnet wurden. Der Bildausschnitt ist auf das Gesichtsfeld beschränkt. Die Gesichtsmuskulatur ist maximal entspannt, mit Ausnahme der Augenmuskulatur. Der Schläfer befindet sich im so genannten REM-Schlaf (REM, engl. Rapid Eye Movement), einer Schlafphase, die vor allem durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet ist. Erlebnisse der Wachphase werden verarbeitet und das Gehirn von überflüssigen Informationen “gereinigt”. Der Beobachter wird zum Zeugen eines inneren Vorganges, der ihm in seiner ganzen Realität aber verborgen bleibt. Welche inneren Bilder eine bestimmte Augenbewegung hervorrufen, ist nicht beobachtbar. Zugleich ergibt sich eine nahezu voyeuristische Situation, die im Betrachter Gefühle der Scheu, der Spannung und der Neugierde hervorruft. Die Betrachtung eines Menschen im Schlaf ist normalerweise der Intimität privater Räume vorbehalten. Abgesehen von diesem „Clash“ des Öffentlichen mit Privatem, der viele Arbeiten Lüers prägt, verweist der Titel auf eine weitere Deutungsebene, die seit dem 11. September 2001 unauslöschlich dem kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt eingeschrieben ist. Der Automatismus, mit dem das Wort „Schläfer“ zugleich mit (noch) inaktiven Terroreinheiten wachruft, spiegelt die Ambivalenz unserer Verknüpfung von medialen und privaten Welten wieder.  (Gabi Schaffner)